Vom Schweigen und Hören

Vom Schweigen und Hören

Wind rauscht um mich, als ich aus dem Auto steige. Die Nachwehen des Sturmtiefs Sabine zeigen hier oben auf dem Schwanberg noch deutlich ihre Ausläufer. Ich kämpfe gegen den Wind an und finde mich kurze Zeit später im Eingangsbereich der St. Michaelskirche. Als ich die Tür hinter mir zuziehe, herrscht plötzlich Ruhe. Mein Blick wandert den Raum entlang: weiter vorne plätschert ein kleiner Brunnen in einer Nische. Die sanfte Beleuchtung im Eingang mit dem roten Sandstein hüllt mich geradezu ein. Es fühlt sich gut an und in mir macht sich eine warme Stille breit.

Es ist kurz vor 6:30 Uhr, als ich die Kirche betrete. Zu meiner Überraschung sitzen schon alle Schwestern im Chorgestühl. Auch der Kirchenraum ist aus dunkelrotem Sandstein gebaut; nur schwach, aber ausreichend beleuchtet. Stühle für die Gemeinde gibt es zur linken und zur rechten Seite. Ich entscheide mich für den kürzeren Weg und setze mich auf die rechte Seite. Neben den Schwestern besucht noch eine weitere Frau die Laudes, sie sitzt nur ein paar Reihen vor mir. In der Kirche ist es still, von draußen ist fern das Plätschern des Brunnen zu hören und immer wieder das kräftige Sausen des Sturms, der auf die Kirche trifft.

Hinhören, einatmen, ausatmen

Pünktlich zum hellen Glockenschlag erheben sich die Schwestern: „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.“ Aus dem Chorgestühl lösen sich drei Schwestern, die Schola, welche im Wechselgesang mit den anderen die Psalmen singen. Der Gesang hat etwas von Atemzügen: einatmen, ausatmen – einatmen, ausatmen. Dass dabei nicht immer alle Töne getroffen werden, stört kaum; es geht um die Sache selbst. Es folgt die Lesung, ein paar Worte zum Text und wieder Stille. Wiederum höre ich leise das Wasserplätschern und das Pfeifen des Windes, das Mikrofon knarzt. Eine Glocke schließt die Stille und die Schwestern fahren mit dem Morgenlob fort. Nach einem gemeinsamen Vater Unser und dem Segen laufen die Schwestern in der Mitte der Kirche zusammen, verbeugen sich in Zweierreihen vor dem Kreuz und verlassen die Kirche. Gleichmäßig und mit ruhigen Schritten, lediglich das leise Schleifen der Schuhe am Boden ist noch zu hören.

Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.

Im Gang hinter der Kirche legen die Frauen ihre weißen Gewänder ab, welche sie während des Gebets getragen haben. Sie sind weit und haben am Kragen etwas von einem großen Rollkragenpullover. Der Start in den Tag geschieht ebenfalls in Stille: bis acht Uhr haben die Schwestern Zeit zu Frühstücken und sich zum Gebet auf ihre Zelle, dem Zimmer einer Schwester, zurückzuziehen.

Auf dem Weg zum Refektorium huscht lautlos eine junge Katze durch meine Beine und verschwindet unter einem Stuhl. Im Speisesaal angekommen suche ich mir einen Platz am U-förmig gestellten Tisch. Meine Wahl fällt auf einen Platz mit Sicht auf die große Fensterfront des Raumes, welche einen Blick in den Klostergarten erlaubt – mit dieser Wahl bin ich nicht die Einzige. Ich beobachte, wie sich der Himmel langsam von nachtschwarz zu einem tiefen Morgenblau wandelt und schließlich die Sonne aufgeht.

Das Frühstück wird im Schweigen eingenommen, nur das raschelnde Einschütten der Cornflakes und das kratzige Streichen von Butter auf dem Knäckebrot sind zu hören. Und natürlich die Kaugeräusche, das Nase hochziehen oder ein Nieser. Stetig kommen Schwestern herein, gießen sich einen Kaffee oder Tee ein und verlassen das Refektorium wieder. Das Frühstück ist schlicht, aber ausreichend, eigentlich genauso wie der Raum: er ist weder alt noch modern – zeitlos ist wohl der beste Begriff. Die Farbe Beige dominiert in Kombination mit Weiß. An der Stirnseite des kleinen Raums ist ein Kreuz angebracht, auf der anderen Stirnseite befindet sich neben der Tür ein älterer Holzschrank und ein Lesepult in der Ecke. Die Wand hinter mir ist eine Schrankwand, vor mir die bodentiefe Fensterfront. Schnell merke ich, wie die Ruhe auch in mir ihren Platz findet und wie ich immer mehr höre, was um mich herum alles geschieht.

Evangelische Schwestern mit benediktinischem Vorbild

Die Schwestern hier auf dem Schwanberg sind eine evangelische Frauengemeinschaft, die sich kurz nach dem 2. Weltkrieg in Castell gründete und nun ihr 70-jähriges Bestehen feiert. Daher auch der Name Communität Casteller Ring oder kurz CCR. Sie leben nach dem benediktinischen Vorbild, also nach der Regel Benedikts und sind eng verbunden mit dem katholischen Männerorden der Abtei Münsterschwarzach. Schwestern oder allgemein Klöster und Gemeinschaften sind auf evangelischer Seite eher die Ausnahme, die CCR gehört dabei mit zu den ältesten. Aktuell leben 31 Schwestern auf dem Berg. Die älteste ist über 90, die jüngste 37 Jahre alt.

Nach dem Frühstück beginnt um acht Uhr der Tag und somit auch die Arbeit in der Communität. Die Dienste in der Gemeinschaft werden weitestgehend freiwillig vergeben. Auf dem Gang gibt es eine Liste, in der jede sich für die verschiedenen Aufgaben eintragen kann. Wenn ein Feld leer bleibt, „weist ein großer, dicker Pfeil“ auf die Stelle. In der Küche spülen zwei ältere Schwestern ab; sie haben Tischdienst. Eine weitere richtet das Frühstück für eine kranke Mitschwester, später stößt noch eine Angestellte in der Küche dazu. Das Essen wird geliefert von den Mainfränkischen Werkstätten, spülen hingegen „kann jeder –  also fast jeder“, stellt eine der Schwestern fest. Obwohl nun wieder geredet werden darf, tauschen sich die Frauen kaum aus, dazu ist der Geschirrspüler einfach zu laut.

Überall in der Küche hängen kleine Zettel, sie ermuntern dazu, Kaffee zu trinken, ermahnen, die Wäschezwicker wieder zurück zu bringen oder geben einfach nur Hinweise, ob ein Essen vegetarisch, glutenfrei oder sonst wie anders besonders ist.

Der Treffpunkt als Ort der Gemeinschaft

Eine der älteren Schwestern nimmt mich mit in den Klosterladen „Treffpunkt“. Unter der Woche und vor allem im Winter sei hier kaum was los, meist holen sich dann nur die Gäste aus dem Tagungshaus oder Schüler aus dem Jugendhof noch schnell ein Andenken für Zuhause oder eine Postkarte, erklärt sie mir. Aus diesem Grund habe der Laden heute auch nur eine Stunde am Morgen geöffnet. Das stürmische Wetter lädt ja nicht gerade weitere Tagesgäste zum Wandern auf den Berg ein.

Der Laden hat eine tiefe Decke und allerlei Schätze darunter verborgen. Viel Selbstgemachtes aus Klöstern deutschlandweit, Holzspielzeug aus den Mainfränkischen Werkstätten oder Lavendelkissen, genäht von der ältesten Schwester der Communität, daneben natürlich Bücher und viele, viele Postkarten. Wie zu erwarten, bricht kein Besuchersturm auf den kleinen Laden herein. Draußen kämpfen sich lediglich die Männer der Müllabfuhr durch den Wind und der Postbote verteilt seine Briefe.

Durch eine Glastür, die zur Rezeption des Tagungszentrum führt, schreitet ein schwarz-weißer, alter Kater. Ihm fehlt ein Auge und ein Schlitz im Ohr charakterisiert ihn: Felix. Auf leisen Pfoten holt sich der Kater gezielt seine Streicheleinheiten bei der Schwester ab und beobachtet sie, während sie die Tür des Ladens aufschließt. Als ich mich später auf dem Sofa mit der Schwester unterhalte, hüpft Felix schwerfüßig zu uns und döst laut schnurrend ein.

Die Schwester erzählt mir davon, wie es all die Jahre war, als sie am Außenstandort der Communität in Erfurt lebte, welche Freundschaften und Verbundenheiten bis heute anhalten und wie das mit der Hauswirtschaftsschule auf dem Schwanberg war. Aber auch davon, wie der Kater Felix ihnen zugelaufen ist und mit Einverständnis und regelmäßigen Besuchen seines Besitzers bleiben durfte. Und davon, wie er trauerte, als die Trauergemeinde seines Besitzers an der Tür des „Treffpunkt“ vorbeizog. Das Klingeln des Telefons beendet unser Gespräch.

Der letzte Weg kann ein langer sein – der FriedWald

Durch den pfeifenden Sturm hindurch mache ich mich auf den Weg zum Schuppen des Forsthauses. Zur Gemeinschaft gehört seit dem Jahr 2007 auch der FriedWald, den die Schwestern des Casteller Rings betreuen. Hier können Verstorbene unter einem Baum im Wald begraben werden, ein kleines Schildchen erinnert an die Toten. Ich begleite eine jüngere Schwester mit gelocktem Haar, die aktuell ihr zweijähriges Noviziat absolviert. Sechs Jahre zuvor verbrachte sie bereits schon einmal das Noviziat bei den Schwestern, entschloss sich aber durch äußere Gründe, nicht die Profess, also die Bindung an die Gemeinschaft, abzulegen. Es passte da, so erklärte sie mir, gerade einfach noch nicht. Doch vor allem das Stundengebet ließ sie nicht mehr los und begleitete sie täglich durch ihr Leben in der zivilen Welt.

Mit einem Elektromobil fahren wir durch den Wald. Es ist das erste Mal, dass sie den Wald nach dem Sturmtief Sabine wieder betritt – bei Orkan wird dieser gesperrt. Größere Schäden können wir keine sehen. Das Rauschen der Bäume im Wind ist stark und doch so fern, oben in den Spitzen. An einer Kreuzung treffen wir auf den Geschäftsführer der FriedWald GmbH und einen seiner Mitarbeiter. Gemeinsam mit der Schwester tauschen sie sich über die Schäden des Orkans hier im Wald aus. Zwei Buchen habe es erwischt, berichten die Männer, wahrscheinlich aber eher wegen der Trockenheit – das könnte auf Dauer noch zu Problemen führen.

Wir können Menschen begleiten.


Zwischenzeitlich hat es angefangen zu schneien. Wir fahren weiter zu einem der sechs Bäume, unter dem diese Woche ein Verstorbener beerdigt werden soll. „Nur sechs“, sagt die Schwester. Theoretisch wären bis zu 16 möglich: je vier Zeitslots an vier Tagen. Wie die Beerdigung aussehen soll, entscheiden die Angehörigen selbst.

Hier oben auf dem Schwanberg ist der FriedWald zwar „ganz klar evangelisch“, aber das heißt nicht, dass hier nur evangelisch Getaufte beerdigt werden dürfen. Für die Schwestern scheint der FriedWald ein wahrer Schatz, wie mir die Novizin sanft erklärt: „Wir können Menschen begleiten“. Oft hätten sie den ersten Kontakt bereits bei der Baumauswahl, diese träfen noch viele selber. Emotionaler wird es natürlich, wenn dies die Angehörigen im Todesfall tun. „Vielleicht war der Tod unvorhergesehen?“ Die Schwestern begleiten die Beerdigung, manchmal halten sie sogar die Andacht oder sprechen ein paar Worte. Wie viel, das entscheiden die Hinterbliebenen oder der nun Verstorbene. Der Weg zum Baum wird gelaufen. Da der FriedWald mittlerweile mehr als 2000 registrierte Bäume hat, kann der letzte Weg ein langer Weg werden. Fast immer führt dieser dabei am Schutzmantel-Christus vorbei, einem Altar am Versammlungsplatz. Die Schwester winkt der Gruppe als wir vorbeifahren freundschaftlich zu.

An einem ausgewählten Baum angekommen, misst die Schwester die Position des zukünftigen Urnengrabs aus: im Abstand von zwei Metern zum Baum und auf einen von zehn Plätzen rund um den Baum. Es gibt Gemeinschaftsbäume und Freunde- und Familienbäume. Ist der Platz gefunden, schlägt sie einen rosa markierten Pfosten an die Stelle in den Boden. Das Hämmern schallt weit durch den Wald, lediglich verschluckt vom immer dichter werdenden Schnee.

Alles fühle sich lockerer, glücklicher an, erzählt sie mir.

Nach welchen Kriterien die Menschen ihren Baum aussuchen, frage ich sie. Das komme ganz darauf an. Manche möchten eine Buche, manche auf gar keinen Fall eine Eiche. Manche einen einzelnen Baum, manche einen dicken großen oder einen dünnen, kleinen. „Ich höre den Menschen immer ganz genau zu.“ Auf dem Rückweg möchte ich noch wissen, warum sie sich wieder für den Schwanberg entschieden hat. Der Fahrtwind und der starke Schnee, der schwer auf den Boden und auf unsere Windschutzscheibe fällt, erschwert das Gespräch. Es sei, wie mit dem Verliebt sein: alles fühle sich lockerer, glücklicher an; „nicht, dass es vorher nicht gewesen wäre, aber hier eben intensiver“, antwortet sie mir. Ich muss lächeln.

Kurz vor elf Uhr kommen wir wieder am Forsthaus an. Kaum betreten wir das Haus, lässt der Schnee nach und die Sonne bricht hervor und gibt einen fantastischen Blick hinunter auf das fränkische Land frei. Im Forsthaus befinden sich auch zwei Ferienwohnungen, die von einer weiteren Schwester verwaltet werden. Sie erzählt mir, dass sie gerade frisch offiziell in Rente gegangen ist.

Rechtliche Dinge müssen also weiterhin mit dem weltlichen Namen unterschrieben werden.

Während ich völlig durchfroren an meiner Tasse Tee nippe, erfahre ich von den beiden Schwestern, die sich ein Büro teilen, wie das mit dem Ordensnamen ist. Hier in der Communität gibt es diesen erst zur Profess, also nach zweieinhalb Jahren in der Gemeinschaft. Anders als in katholischen Klöstern wird dieser allerdings nicht in den Personalausweis eingetragen. Rechtliche Dinge müssen also weiterhin mit dem weltlichen Namen unterschrieben werden – so auch die Papiere zum Renteneintritt. Ich sage, dass mir im Laufe des Tages aufgefallen sei, dass viele der Schwestern mit einem Doppelnamen gerufen werden. Die beiden erklären mir, das komme daher, dass der Ordensname den weltlichen nicht ersetzt, sondern nur ergänzt. Manchmal bleibt im Alltag der eine übrig, mal wird der andere der gängige Rufname und häufig eben der Doppelname.

Bevor ich in die Kirche zur Mittagshore laufe, mache ich einen Abstecher in den „Treffpunkt“. Vier Schwestern sitzen auf den Sofas und besprechen ihre Dienste, die Anliegen und den Wareneingang für den Klosterladen. Die Töpferin, die für die Schwestern arbeitet und sonst bei diesen Treffen mit dabei ist, fehlt aus zeitlichen Gründen. Die Frauen sprechen sich ab, diskutieren – immer wieder schweift eine der Frauen ab oder sie beobachten den Kater Felix, der sich, durch die Menschen angelockt, wieder seinen Weg durch die Rezeption zum „Treffpunkt“ bahnt.

Die Mittagshore

In der Kirche empfangen mich noch die letzten kräftigen Klänge der Orgel. Eine Schwester beendet ihr Üben, eine andere tauscht die Teelichter an den Kerzenständern aus. Nach und nach füllen sich die Reihen der Schwestern; nun erneut in den weißen Gewändern gekleidet. Außerhalb der Kirche gibt es keine Kleidungsordnung; vielleicht mal eine Ansteckmanschette für wichtige Anlässe. Einige wenige Gäste besuchen die Mittagshore. Gesungen werden die Psalmen ohne Orgelbegleitung – so wie es die Definition eines gregorianischen Chorals besagt: „einstimmig und unbegleitet“. Leise singe ich die mir bekannten Psalmen mit. Einatmen – und Ausatmen.

Beim Mittagessen gibt es eine Tischlesung. Die Schwestern stehen außen um die Tische herum, auf ein Zeichen setzen sich alle Frauen bis auf die Priorin, die Vorsteherin der Gemeinschaft. Sie liest ein Kapitel aus der Benediktsregel vor: die Regelung der Vigilien in der Winterzeit. Mit dem kurzen Läuten eines hohen Glöckchens beginnen die Schwestern sich gegenseitig Wasser einzuschenken und zwei Schwestern, welche Tischdienst haben, teilen das Essen aus. Heute gibt es Nudeln mit Tomatensoße: ein fleischfreier Tag. Während die Schwestern schweigend zu Essen beginnen, wird ein Brief von Dorothee Bär vorgelesen. Ich verlasse leise den Raum, mein Essen wartet im Pausenraum.

Sie erzählen mir von Freunden, mit denen sie immer wieder über mehrere Jahre hinweg das Kloster besuchten und schließlich irgendwann blieben.

Zu mir setzen sich nach getanem Dienst die Schwestern des Tischdiensts. Auch die, die nicht pünktlich beim Essen sein konnten oder anders verhindert waren, essen im Pausenraum. Im Gegensatz zu den Schwestern im Refektorium dürfen wir reden. Ich frage im Gespräch, was die Frauen an meinem Tisch auf den Schwanberg gebracht hat. Sie erzählen mir von Freunden, mit denen sie immer wieder über mehrere Jahre hinweg das Kloster besuchten und schließlich irgendwann blieben.

Auf 13 Uhr bin ich mit einer Schwester verabredet, die ich bereits beim Spüldienst am Morgen kennenlernen durfte. Sie zeigt mir die beiden Sakristeien. Eine für den oder die Pfarrerin, die andere zum Herrichten des Gabentisches. Die Schwester erklärt mir jeden Schritt. Durch die offenstehende Tür zum Gang fällt das Sonnenlicht in den hohen Raum. Sie zeigt mir die verschiedenen Tischtücher, Abdecktücher, erklärt mir, warum es in einem evangelischen Abendmahlgottesdienst üblich ist, neben Wein auch Saft auszuteilen und welche Dienste in so einem Gottesdienst zu vergeben sind. Zweimal unterbricht uns eine scheppernde Glocke auf dem Gang, die die neue Viertelstunde ankündigt. Früher habe sie mal besser geklungen, jetzt hätte man daran was verändert und nun klinge sie scheußlich. Da kann ich nicht widersprechen. Ein Taschentuch in einer der Röhrenglocken soll Abhilfe schaffen. Ich will gar nicht wissen, wie es ohne dieses Provisorium klingt.

Wie eine große WG

Die Zeit bis zur Versammlung der Schwestern verbringe ich wieder im Pausenraum. Immer und immer wieder betreten Schwestern den Raum und steuern zielgerichtet auf die Kaffeemaschine zu. Mich erinnert das muntere Treiben stark an eine WG. Wer kommt und jemanden trifft, mit dem man Neuigkeiten austauschen will, setzt sich kurz. Andere suchen nach Alternativsüßigkeiten zu den aufgestellten Lebkuchen oder aber eine lässt die leere Milchpackung in der Ecke stehen, bis sie eine andere Mitschwester genervt in den Müll schmeißt. 31 Frauen unterschiedlichsten Alters unter einem Dach – das kann und muss beinahe eine Herausforderung sein. Oder eben auch eine Chance zu lernen, wie mir schon eine Schwester am Morgen ans Herz legte.

Beinahe jede der Frauen, die sich einen Kaffee holt, will auch mir einen Kaffee anbieten und verweist auf die Kaffeemaschine. Wenig später bringt mir eine Früchtetee vorbei. Die Gastfreundschaft ist enorm, ich fühle mich gut aufgenommen. Kaum habe ich meine Tasse vor mir stehen, wechselt die mir angebotene Ware. Neu im Rennen sind ab nun die Lebkuchen. Der Kaffee gehört halt zum Leben hier dazu, grinst die Priorin.

Der Kaffee gehört halt zum Leben hier dazu.

Auf dem Weg zur Schwesternversammlung im Kapitel, einem schlichten Raum mit Glasfronten zu beiden Seiten und weißen Wänden, herrscht Unruhe. Die einen tauschen Infos zu den Handwerkern aus, die gerade im Haus arbeiten. Bei den anderen hört man immer wieder „Hast du schon was gehört?“. Gemeint ist eine Mitschwester, die heute im OP ist. Die Operation gilt als kritisch und das merkt man der Gemeinschaft an, dass sie sich Sorgen macht.

Singen, reden, zuhören

Obwohl der Kapitelsaal nicht sonderlich groß ist, wird mit Mikrofon gesprochen. Der Vorteil, so erklärt mir die Priorin, ist, dass dieses auch über eine Induktionsschleife für die Hörgeräte verfüge. Die Schwestern sitzen in einem großen Kreis beisammen, die Priorin gegenüber dem Kreuz, welches den Stuhlkreis unterbricht. Begonnen wird mit einer Dreiviertelstunde gemeinsames Singen. Es werden die Antiphone der Fastensonntage geübt, aber auch die Lieder aus dem Gottesdienst am Abend.

Eine jüngere Schwester leitet das Singen, sie singt die Töne mit Hilfe der Stimmgabel an und gibt Feedback. Die Frauen singen meist sofort gemeinsam, einige Male müssen Passagen wiederholt werden – fordernder oder fröhlicher gesungen werden. Mir fällt auf, wie ernst die Frauen das Singen nehmen. Es scheint fast eine Art Meditation für manche zu sein. Gegen Ende ist noch Zeit und es dürfen sich Lieder gewünscht werden. „159“, bittet eine ältere Schwester – ein Abendlied. Zur Einstimmung auf die folgende Versammlung schließt ein bislang unbekannter Kanon an – ein Kanon mit Strophen. Aber auch das meistern die Frauen im zweiten Anlauf.

Zur Versammlung kommt eine Pfarrerin aus einer umliegenden Gemeinde vorbei. Gemeinsam sprechen sie die kommenden 75 Minuten über den Gottesdienst am Abend und die Zukunft. Ich verabschiede mich aus der Runde und mache mich auf den Weg zurück. Das Haus ist still und lichtdurchflutet. Auf dem Weg zum Pausenraum laufe ich an der großen Uhr im Flur vorbei. Sie tickt laut. Irgendwo knarzt ein Kühlschrank, die Kaffeemaschine blubbert vor sich hin und aus der Küche pfeift es.

Die Essgeräusche der anderen

Das Abendessen um 18 Uhr verläuft wieder schweigend. Darauf hatten sich mal die Schwestern geeinigt, nachdem dienstags in der Schwesternversammlung sowieso immer „so viele Worte“ gesagt würden. In kleinen Gruppen stehen wir beieinander, bis eine Schwester schließlich ein Lied anstimmt. Danach setzen wir uns.

Auch wenn wir in drei Kleingruppen zusammensitzen und es für mich ungewohnt ist, den Blick schweigend streifen zu lassen, tut mir die Stille erneut gut. Ich höre, wie sich eine Schwester Tee einschenkt, ich höre ein leises Danke einen Tisch weiter und wie eine Tablettenbox klappernd geöffnet wird. Wir essen gemeinsam und doch jeder für sich. Am Ende des Abendessens nicken sich zwei Schwestern zu, erheben sich und decken den Tisch ab. Anschließend stehen alle auf und wir singen erneut. Durch den Abendmahlsgottesdienst um 19:30 Uhr fallen an diesem Tag Vesper und Komplet aus. Diese Gesänge vor und nach dem Essen sollen die Vesper zumindest andeuten, klärt mich die Priorin auf.

Ich höre ein leises Danke einen Tisch weiter.

Der Abendmahlgottesdienst wird von fünf Schwestern musikalisch begleitet: drei Blockflöten, eine Geige und ein E-Piano. Die Gesänge stammen aus dem Gesangsbuch und sind nicht wie in den Stundengebeten Psalmen. In der Kirche haben sich nun neben mir einige Gäste eingefunden, viele kennen sich. Dem Gesang entnehme ich, dass die meisten regelmäßige Gottesdienstbesucher sind.

Pfarrerin ist diesmal eine Schwester der Gemeinschaft. Sie predigt davon, dass man aufbrechen muss, um Neues zu erfahren, Dinge hinter sich lassen muss, um Stillstand zu verhindern. Später bringen zwei Schwestern die Gaben auf den Altar, die Pfarrerin spricht ein Gebet.

Dass so viele Gottesdienstbesucher da sind, obwohl lediglich ein Kurs im Tagungshaus ist, kommt von der Ausrichtung der Schwestern und ihrer Gemeinschaft auf die Gäste. Beinahe alle der Frauen arbeiten für und mit den Gästen. Als Seelsorgerin, an der Rezeption, in den Ferienwohnungen, im FriedWald, im Jugendhof, im Treffpunkt, in den Kursen. Die Gebetszeiten sind mit dem Ablauf im Tagungshaus angeglichen. Die Schwestern leben keinesfalls verschlossen, zurückgezogen, im Gegenteil: offen und offenherzig. Das wird mir besonders bewusst beim Friedensgruß.

Aus der Ruhe der Kirche mache ich mich wieder auf den Weg: raus in die stürmende, dunkle Nacht, aber mit einem guten Gefühl und einer inneren Ruhe.

Mehr Infos zu den Schwestern des Casteller Rings finden Sie auf der Website der Gemeinschaft.


Wie unterstützt ein Domorganist die Gemeinde im Gebet und was macht er, wenn mal kein Gottesdienst ist? Ich habe ein Woche lang den Domorganisten Stefan Schmidt aus Würzburg bei seiner Arbeit begleitet. Lesen Sie, was ein Organist #fürdenGlauben macht: Domorganist, mehr als ein Vollzeitjob

1 Kommentar
  1. Sehr lebendig und bildhaft geschriebene Reportage!
    Man wird von Beginn an abgeholt und fühlt sich sowohl räumlich als auch auf der Gefühlsebene direkt in die Szenerie hineinversetzt. Da sind viele spannende Informationen in eine Geschichte integriert, die beweist dass du mit Storytelling Wissen geschickt verpacken kannst, ohne dass es der Leser bewusst wahrnimmt.
    Die zugehörige Bildergalerie stellt genau die Eindrücke dar, die man sich im Grunde bereits beim Lesen als Bild im Kopf kreiert hat. Ungestellt und echt – genau so soll das sein.

    In mir hat deine Reportage besonders eines ausgelöst: ich bin ruhig geworden. Ob das nun am Ein- und Ausatmen liegt – oder vielleicht doch am schnurrenden Kater Felix, wer weiß? 🙂

    Einatmen. Ausatmen.

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