Domorganist, mehr als ein Vollzeitjob

Domorganist, mehr als ein Vollzeitjob

„Kann man davon überhaupt leben?“, „Das bisschen Orgel spielen …“ „Wird das nicht langweilig?“: für den Domorganisten Stefan Schmidt sind das beinahe alltägliche Fragen. Touristen bei Domführungen, Konzertbesucher, Bekannte – sie alle stellen diese Fragen. Dass ein Domorganist aber mehr zu tun hat, als die Gemeinde im Gottesdienst mit der Orgel zu begleiten, merkt man, wenn man einen Blick in seinen Terminkalender wirft.

Stefan Schmidt ist seit 2005 Domorganist am St. Kilians Dom und dem Neumünster in Würzburg. Nach seinem Studium der katholischen Kirchenmusik an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf arbeitete der heute 53-Jährige zunächst als Kantor in der Pfarrei St. Peter in Düsseldorf, bevor es ihn in die fränkische Weinstadt verschlug. Seit nunmehr 14 Jahren ist Schmidt gemeinsam mit seinen Kollegen von der Dommusik für die musikalische Gestaltung in und um den Dom von Würzburg zuständig.

Sonntag, 9:40 Uhr, Dom.

Schmidt gestaltet heute gemeinsam mit seinem (Nach-)Namensvetter, dem Domkapellmeister Christian Schmid das feierliche Konventamt im Dom. Der eine an der Orgel, der andere vor dem Chor. Die Empore ist zweigeteilt: unten auf der großen Empore steht der Chor in festlicher Konzertkleidung, Platz für ein Orchester wäre noch. Über eine kleine Treppe hinter dem Orgelsockel gelangt man zum zweiten, höheren Teil der Empore, dem Spieltisch der Orgel. Eng ist es hier, aber noch genug Platz für zwei kleine Schränke, drei Hocker und einen Wippstuhl. Mit dem Rücken zum Kirchenschiff sitzt Stefan Schmidt am Orgeltisch und sortiert die Noten für den kommenden Gottesdienst. Es liegen selbst gemalte Bilder seiner Kinder herum, Noten, Liedpläne.

Einige Minuten vor Beginn kommt sein Kollege Christian Schmid hoch auf die Orgelempore. Die beiden unterhalten sich über ihre Dienste, tauschen Neuigkeiten aus. Es scheint wie ein Ritual unter Freunden. Nur halt bei der Arbeit. Anschließend macht es sich der Domkapellmeister auf dem Wippstuhl bequem und grinst „Meiner!“. Pünktlich zum Einzugsläuten sind beide an ihren Plätzen. Ein letzter Blick aufs Handy, das Konventamt beginnt.

Über einen kleinen Röhrenmonitor behält Schmidt den Chorleiter eine Etage tiefer und das Geschehen unten in der Kirche im Auge. Mal singt nur die Gemeinde, mal nur der Chor, mal alle gemeinsam. Immer muss Schmidt an der Orgel begleiten: ruhige, zarte Improvisationsklänge zur Kommunion oder eine majestätische Fanfare zum Auszug. Das alles will registriert sein, sprich die Orgel eingestellt werden, in welchem Klang sie zu spielen hat. Unzählige Knöpfe und Knaufe stehen Schmidt dafür zur Verfügung. Die Hauptorgel verfügt über 87 Register, die Chororgel im Querhaus „lediglich“ über 20. Diese muss der Organist kennen und oftmals während eines Liedes ändern.

„Vielleicht habe ich ein Lied ja gar nicht geübt?“, fügt der Improvisationsprofessor augenzwinkernd hinzu

Zu Schmidts Aufgaben gehört häufig ebenfalls, vorher die Lieder auszusuchen, welche später im Gottesdienst gesungen werden sollen. Das sei ihm lieber, als wenn der Priester die Lieder vorgibt. Denn manchmal habe man einfach keine Lust auf ein Stück oder es sei einfach nicht schön – selbst wenn es im Gotteslob steht, so Schmidt. „Vielleicht habe ich ein Lied ja gar nicht geübt?“, fügt der Improvisationsprofessor augenzwinkernd hinzu. In solchen Situationen ist zu seinem Vorteil, dass zu den Aufgaben des Domorganisten auch der Liedanzeiger gehört, mit dem er der Gemeinde zeigt, was als nächstes gesungen wird. „Ich sitze da am längeren Hebel, ich habe den Liedanzeiger und die Orgel. Wenn ich anfange, wird die Gemeinde mitsingen“, grinst Schmidt. So oft käme es zwar nicht vor, aber das ein oder andere Mal eben doch.

Für den Domorganisten ist liturgisches Orgelpiel, wie er das Begleiten von Gottesdiensten nennt, keine „Arbeit“ – „Ich mache das gerne. Mein Vater war Stahlarbeiter; das ist Arbeit. Ich verdiene mein Geld sozusagen spielend“, fügt er hinzu. Mindestes drei Mal am Tag, sieben Tage die Woche. Und wenn unter der Woche mal nur 20 Leute um 9 Uhr früh in die Messe kommen? „Egal. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind‘ …“

Dienstag, 9:30 Uhr, Dom.

Gerade spielt Stefan Schmidt wieder einen dieser Wochentags-Gottesdienste. In einer halben Stunde, um 10 Uhr, hat sich eine Kindergartengruppe zu einer kleinen Dom- und Orgelführung angekündigt; für den Kindergarten und die Schule seiner Kinder mache er solche Führungen immer wieder gerne. Schnell versucht Schmidt noch den schwarzen Spieltisch vom Staub zu befreien: „Das ist verrückt. Den kann man alle zwei Tage abstauben und dann ist er wieder dreckig. Und die Kindergartenkinder sehen das natürlich sofort und machen sich drüber lustig“, erklärt er mir leicht verzweifelt. Es ist ein bisschen wie ein Katz- und Mausspiel: Spieltisch abstauben, kurz registrieren, weiter abstauben. Doch irgendwann scheint es geschafft. Für dieses Mal.

Dienstag, 10:01 Uhr, vor dem Dom.

Die Führungen von Kindergartengruppen gehören nicht zu seinen eigentlichen Aufgaben als Domorganist und doch mache er sie gerne, erklärt er. Schmidt zeigt den Vorschülern die wichtigsten Stationen der Kirche: das Eingangsportal, welche die Schöpfungsgeschichte darstellt, den Siebenarmigen Leuchter, den alten Taufbrunnen in der Mitte der Kirche mit einer Darstellung von Christi Himmelfahrt. Immer wieder schweift eines der Kinder ab, deutet hoch an die Westseite der Kirche und ruft entzückt „Da ist die Orgel“. Es geht in die Krypta zum ältesten Relikt der Kirche, dem 1200 Jahre alten Merowingerkreuz sowie zum frischen Grab des vor kurzem verstorbenen Bischof em. Scheele. Schmidt kann mit den Kindern umgehen, sie in den Bann ziehen. Das funktioniert vor allem deswegen, weil man ihm seine eigene Faszination für die Kirche abkauft. Der letzte Teil der Besichtigung führt über eine kleine schmale Wendeltreppe hoch in das Gebälk der Kirche. Überall alter Stuck, kaputte Engelchen, ausgediente Krippen. Die Kinder sind fasziniert und folgen dem Organisten mit neugierigen Augen auf den knarzenden Holzstegen über die Kirche hinüber zur Orgel.

„Die Orgel ist über euch, unter euch, rechts von euch, links von euch, vor euch und hinter euch.“

„Die Orgel ist über euch, unter euch, rechts von euch, links von euch, vor euch und hinter euch.“ Er spielt alle Seiten mal an. Manche der Kinder zucken kurz zusammen, wenn die Orgel neben ihnen plötzlich das Spielen anfängt. „Einer von euch darf mal ein Register ziehen“, kündigt Schmidt an und holt eines der Kinder zu sich auf die Orgelbank. Zum Abschluss der Führung wünschen sich die Kinder das Lied „Gottes Liebe ist so wunderbar“ und singen und tanzen begeistert mit.

Dienstag, 11 Uhr, Dommusik, Chorprobesaal.

Keine zehn Minuten später steht für den 53-Jährigen der nächste Termin an: Kammermusikprobe mit seiner Frau. Für den Liederabend am Freitag müssen die beiden noch einmal ihr gemeinsames Stück proben. Für Schmidt bedeutet das einen Instrumentenwechsel: Gerade noch an der Orgel, muss er nun ans Klavier. Nur eine Klaviatur, keine Register, die man ziehen muss, keine Pedale. Leichter ist es dadurch nicht zwingend. Nur anders. Die beiden scheinen ein routiniertes Team: spielen, kurze Rücksprachen, wieder spielen. Der Raum beginnt zu klingen. Ein belustigter Blick des Organisten: vorsichtig fischt er ein Päckchen Gummibärchen aus dem Klavier hinaus, „will jemand?“. Weiter geht’s, die Zeit drängt. Um 12:05 Uhr steht die tägliche Orgelmeditation im Dom auf dem Zeitplan.

Dienstag, 17:41 Uhr, Dom.

Leicht zu spät kommt Schmidt zur Generalprobe der Mädchenkantorei. Zu Hause gab es ein wenig Chaos, erzählt er. Bei fünf Kindern im Haushalt kein Wunder. Bis der Chor fertig eingesungen ist, darf ich einen Blick in seinen Terminkalender der nächsten Woche werfen: Messe mit der Mädchenkantorei am Donnerstag, der Liederabend am Freitag, ein Konzert am Samstagmittag, jeden Tag liturgisches Spiel, Orgelmeditationen, Besprechungen, Büroarbeit, Montag Lehren an der Musikhochschule in Düsseldorf, am selben Abend ein Konzert in der Stadt. „Fünf verschiedene Konzertprogramme in vierzehn Tagen. Die meisten anderen Musiker würde Ihnen den Vogel zeigen. Bei uns Kirchenmusikern ist das Alltag“ – und geübt werden muss ja auch irgendwann. Wann da Zeit für die Familie sei? „Dazwischen, das muss man gut organisieren.“

Die Probe mit der Mädchenkantorei ist anstrengend. Für die knapp 50 jungen Mädchen ist das Stück ungewohnt. Es klingt nach einer Mischung aus Gregorianik und Moderne. „Stefan, drei vor 29“, ruft der Chorleiter und Domkantor Alexander Rüth nach oben auf die Orgelempore. „Auch, wenn Duruflé sich jetzt im Grab umdreht: Könntest du uns bitte das „h“ schon drei Schläge vorher im Diskant geben?“ Kommuniziert wird durch Zuruf, das Dirigat beobachtet Schmidt wieder über den alten Röhrenbildschirm. Das Kabeltelefon auf dem Spieltisch ist für größere Entfernungen, wie in die Sakristei gedacht. Das Programm muss sitzen. Sowohl beim Chor als auch beim Organisten. „Ein schweres Stück für Orgel. Eigentlich für ein ganzes Orchester gedacht. Da muss man wirklich üben.“

Samstag, 10:45 Uhr, Augustinerkirche.

Die Messe der Mädchenkantorei war erfolgreich, mit dem Liederabend war Schmidt weniger zufrieden: „Da übt man über Monate an einem Stück, mindestens 30 Stunden, der Auftritt, der einem so am Herzen liegt dauert nur 13 Minuten und doch verspielt man sich an Stellen, die eigentlich nicht sein dürften. Je wichtiger einem der Auftritt, desto nervöser ist man. Das ist ärgerlich.“ Ein solches Konzert steht dem Organisten jetzt ebenfalls bevor. Für die Reihe „Tastenspiele“ in der Augustinerkirche darf der Domorganist heute die Eröffnung mit „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky in der Fassung für Orgel spielen. Das Stück ist komplex und erfordert viele Klangfarben. Ihm steht sein Kollege Hans-Bernhard Russ, Organist der Augustinerkirche, zur Seite. „Registrieren muss ich heute nicht für dich oder?“ „Nein, nur blättern.“ Man hilft sich aus und unterstützt seine Kollegen, denn das gehört genauso zum Job: ist die Orgel zu fremd oder das Stück zu einnehmend für den Musiker, muss ein zweiter Organist die Registrierung übernehmen. Heute bleibt es aber nur beim Noten umblättern. Bis kurz vor dem Konzert unterhalten sich die beiden, lachen. Später beichtet der Domorganist „Ich bin jedes Mal aufgeregt. Und wie! Ich habe das nie wegbekommen.“

„Registrieren muss ich heute nicht für dich oder?“ „Nein, nur blättern.“

Von dieser Aufregung ist während des Konzertes kaum was zu spüren, bei genauem Hinsehen meint man manchmal zitternde Hände zu sehen, doch dem Klang können die nichts anhaben. Die Zuhörer in der gut gefüllten Kirche lauschen gebannt den Klängen der sinfonischen Musik von Mussorgsky. So viel anders als ein Kirchenchoral und doch vom gleichen Instrument. Manchmal spielt Schmidt auch Improvisationen zu Stummfilmen. Da wird der Domorganist plötzlich zum Filmmusiker. Die letzten Akkorde ertönen, Applaus und viele lobende Stimmen der Zuhörer.

Domorganist bedeutet bei Stefan Schmidt nicht nur Liedbegleitung im Gottesdienst, sondern noch Kammermusiker, Künstler, Korrepetitor, Organisator, Professor und eben dazu Vater und Ehemann zu sein. Ein Vielseitiger Beruf eben. Aber eines merkt man ihm besonders an: er genießt seinen Beruf und kann diese Begeisterung an andere weitergeben.

2 Kommentare
  1. Sehr interessant zu lesen! Als Organist muss man nicht nur mit den Händen und Füßen flexibel sein, sondern auch bei allem anderen wie beim Organisieren usw…

    1. Das ist wohl wahr. Vor allem, weil man ja nie abschätzen kann, wie lange die Predigt heute dauert 😀 #nebenbeschäftigungen

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