Vom Holzblock zum Meisterinstrument

Vom Holzblock zum Meisterinstrument

Wer mich ein bisschen näher kennt, weiß: die Klarinette – insbesondere meine eigene – liegt mir sehr am Herzen und wird notfalls lieber stundenlang durch die Gegend geschleppt, als sie im unsicheren Auto versteckt liegen zu lassen. So lag es auch nahe, dass ich vor einigen Jahren ein Praktikum beim Klarinettenbauer Dietz in Neustadt Aisch absolvierte. Zwar wusste ich schon im Vorhinein, dass in mir keine Holzblasinstrumentenbauerin schlummert, aber es hat mich dennoch so unheimlich fasziniert und interessiert.

Wenige Jahre später kam ich also mal wieder in die Werkstatt, diesmal jedoch ohne Klarinette. In meinem Rucksack hatte ich stattdessen meine Kamera, mit der ich in den folgenden Stunden einen kleinen Einblick in den Klarinettenbau festhalten wollte. Zum einen hat es mich aus eigenem Interesse gereizt, mal in einer Instrumentenwerkstatt zu fotografieren, zum anderen hatte ich noch ein freies Semesterprojekt für mein Studium im Fach Fotografie zu füllen. Die Gelegenheit hatte sich sozusagen ergeben 😀
Wo soll man da jetzt am besten anfangen? Denn ich würde euch so gerne detailliert erklären, wie eine Klarinette so langsam an Form annimmt und immer weiter zu einem wunderbaren Musikinstrument wird. Aber da war ja was: ich bin gar keine Klarinettenbauerin. Deshalb würde ich gerne versuchen, euch auf „meinem“ Weg als Holzstück bis hin zur fertigen Klarinette mitzunehmen. Berichtigt mich, aber ich bin ab jetzt ein schönes Stück Tropenholz, welches von Wolfgang und Ludwig Dietz zu einem Meisterinstrument gefertigt wird.

Hey, ich bin ein Grenadill-Holz

Hey, ich bin es: ein Stück Grenadill-Holz. Mein voller Name ist Dalbergia melanoxylon und ich komme aus einer trockenen Region in Afrika. Wolfgang hat mich aber vor kurzem nach Deutschland geholt, ganz schön kalt hier!

An meine Vergangenheit kann ich mich kaum erinnern (oder die Verfasserin kennt sie schlichtweg nicht :D), doch ich habe von meinen Kollegen hier gehört, welch spannende Zukunft auf mich wartet: Ich werde eine Meisterklarinette! Vielleicht von einem motivierten Jugendlichen gespielt, welcher durch mich die wunderbare Welt der Musik erkunden darf, vielleicht bekomme ich aber auch die Möglichkeit, die schwierigsten und schönsten Stücke der Literatur zu spielen und quer durch die Welt zu jetten. Noch weiß ich es nicht. Denn bis zu diesem Zeitpunkt dauert es noch einige Jahre.

Einer meiner ersten Schritte in der Werkstatt der Familie Dietz ist das Aufbohren. Klingt sehr schmerzhaft – ich weiß – aber es ist nötig. In meinen Korpus wird ein 1 Zentimeter dickes Loch gebohrt, damit ich noch besser trockene, auch von innen. Dafür werde ich zuerst in Form gefräst: rund ist das neue eckig, sag ich nur. Ist das geschehen, habe ich Zeit – bis zu 10 Jahre lang kann ich von nun an das Geschehen im Haus beobachten.

7 Jahre später

Meine Zeit ist gekommen! Wolfgang hat sich entschieden, dass ich mich in den letzten Jahren gut gemacht habe und mich mit nach oben in den großen Werkstattraum genommen. Ich habe schon gehört, ab jetzt wird es wieder schmerzhaft, denn ich soll nun durchlöchert werden! Anhand einer Schiene oder einer Vorlage oder wie man das nennt, bohrt der Klarinettenbaumeister nach und nach die unterschiedlichen Löcher in meinen Korpus. Beste Voraussetzungen, Musik zu machen. (Achja, irgendwann wurde ich übrigens in meine Einzelteile zersägt: Birne, Ober-, Unterstück. Den Becher werde ich erst fast am Ende kennenlernen.)

Doch ab jetzt wird es in etwa so lückenhaft, wie mein Korpus nun ist: Ich habe echt keine Ahnung. Etliche Hände bearbeiteten mich, verschiedene Leute halfen mir, meinem Ziel, Klarinette zu werden, ein Stück näher zu kommen: die Hersteller der Polster; die arme Sau, die meine Klappen in Handarbeit individuell für mich anfertigen durfte; die gute Fee, welche mich mit Korken ausstatten durfte, um ein geschmeidiges Spielgefühl zu bekommen; mein Bademeister, um meinem Holz den letzten Schliff zu verleiten und viele Hände mehr.

Es passierte so viel in letzter Zeit. Viele, viele Stunden wanderte ich von einer Hand in die nächste, wurde unzählige Male wieder auseinandergenommen, Polster gerichtet, Schräubchen gesucht. Das müsst ihr einfach selbst gesehen haben, es zu erklären zeigt nicht das Ausmaß. Und ein bisschen tun mir meine Schöpfer auch Leid, denn manchmal kann ich echt nervig und zickig werden.

Mein großer Tag

Aber mein großer Tag rückte näher und ich wurde zum aller, aller ersten Mal komplett zusammengebaut, lernte den Becher und das Mundstück kennen und versuchte mich mit diesem eingebildeten Blättchen anzufreunden (also echt, dieses Ding… *kopfschüttel*). Nachdem der junge Dietz ein paar Töne auf mir spielte, sollte ich gestimmt werden. Wow, endlich eine Stimmung von 442 Hz! Wie lange habe ich auf diesen Tag hin gefiebert. Ich liebe diese Stimmung, aber manchmal, das weiß ich jetzt schon, werde ich so meine Tiefs und Hochs haben. Ich hoffe, mein späterer Klarinettist akzeptiert mich so, wie ich bin. Bis es aber endlich so weit ist, hat Ludwig noch einiges an Feinjustierungen zu leisten … Sorry.

Auch das ist irgendwann geschafft und ich habe sogar ein eigenes Heim bekommen: einen edlen schwarzen Instrumentenkoffer mit samtrotem Innenbezug. Ein wahrer Traum. Jetzt fehlt nur noch mein Musiker. Ein Blick an die Wand zeigt: der Terminkalender verspricht gute Aussichten. Nächste Woche kommt eine junge Klarinettenstudentin, die auf der Suche nach einem treuen Begleiter auf dem Weg ins Berufsleben ist. Bin schon so aufgeregt!

Dienstag, 15:36 Uhr, Neustadt Aisch

Die Studentin ist da und hat mich bereits ausführlich gemustert. Zu meiner linken liegt aktuell noch mein Kollege. Gleiches Modell, gleicher Preis, nur anderes Holz. Konkurrenzkampf gibt’s hier eigentlich nicht, denn wir Klarinetten möchten zu unseren Musikern passen und nicht einfach Mittel zum Zweck werden. Es heißt ja schließlich: Jeder Topf findet seinen Deckel. Diesen Ansatz verfolge ich und habe mich deshalb schonmal mit dem gut gelaunten Blättchen des Mädels unterhalten: wir passen ganz gut zusammen, finde ich.

Etliche Tonleitern später strahlt die junge Klarinettistin über beide Wangen; sie hat ihr Trauminstrument gefunden. Mich! Für mich bedeutet es nun, zeigen was ich draufhabe, denn ich übernehme ab jetzt große Verantwortung: ich darf Musik machen, muss sie dafür an Konzerten unterstützen, ihr das Üben erleichtern und die Juroren von ihrem Können überzeugen.


Doch ich bin mal wieder zuversichtlich: Das packen wir!

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