Achtung, die eingestaubte Kirche streamt gerade

Achtung, die eingestaubte Kirche streamt gerade

Ja, wie mag sich dieser Satz für das junge Pärchen angehört haben, kurz nachdem sie die Kirche in Wiggensbach im Oberallgäu betraten, um sich diese anzusehen? Ein verdutzter Blick nach oben zur Empore, dem Ursprung dieser Warnung, und dann ein beherzter Schritt zur Seite in eine filmsichere Ecke. Was haben die beiden sich wohl gedacht? Als von oben auch noch eine muntere Einladung folgte, sich dem Grüppchen auf der Empore anzuschließen und Teilnehmer eines Orgel-Improvisations-Workshop zu werden, war es für das Pärchen wahrscheinlich aus. „Wo sind wir hier?“

Obwohl der junge Mann sichtlich interessiert immer wieder zur Orgel hinaufblickte und angeregt mit seiner Partnerin diskutierte, verließen die beiden die Kirche nach wenigen Minuten. Ohne zu wissen, in welche Veranstaltung sie eigentlich hineingeraten waren.

Ich beobachtete dieses Schauspiel leicht belustigt von der andere Seite der Kirche aus, denn ich wusste, wo ich mich hier befand: mit meiner Fotokamera in der Hand, einer kleinen Filmkamera um den Hals und dem Handy, welches mir dank Hotspot zuverlässigen Zugriff auf Instagram versprach, war ich hier im Allgäu, um das erste Community-Treffen der Plattform Lingualpfeife medial zu begleiten.

Lingualpfeife – mehr als ein YouTube-Kanal

Was Lingualpfeife ist? Ursprünglich versteckt sich hinter dem Künstlernamen „Lingualpfeife“ ein nun 30-jähriger Youtuber, welcher in seinen Videos das neue Gotteslob vorstellt, Musiktheorie verständlich erklärt und Tipps zum Orgelspielen gibt. Oder eben Fragen beantwortet wie „In welchen Orden würdest du eintreten, wenn du ein Mönch werden wolltest?“. Heute, einige Jahre nach dem ersten Youtube-Video haben sich knapp 40 Männer im Alter von 14 bis 70 in Wiggensbach getroffen, um sich auszutauschen. Auszutauschen über Glauben, Kirche, Berufung und Kirchenmusik. Denn „Lingualpfeife“ hat eine entscheidende Wendung erlebt: aus dem einseitigen Youtube-Kanal wurde eine Online-Plattform christlicher Kirchen für Pastoral, Seelsorge und Berufung sowie Kirchenmusik. Via unzähligen Whatsappgruppen halten über 400 am Glauben und an der Kirchenmusik Interessierte Tag für Tag Kontakt. Abend für Abend beten mehrere Kleingruppen über Skype die Stundengebete. Manchmal sogar frühs um 5.

Allein unter Männern

Wie ich da hineingeraten bin, ist so eine Sache. Vor allem als einzige Frau (das ist sowieso ein Phänomen, das sich leider keiner erklären kann). Ich kenne Ludwig, den Begründer dieser Plattform jetzt schon ein Weilchen (unter anderem durch die Jugendkurse von Junges Münsterschwarzach) und wurde von ihm gefragt, ob ich ihn an dem Treffen nicht fotografisch begleiten könne. Mein Bruder, der ab und an filmische Projekte mit Ludwig durchführt, konnte leider an diesem Wochenende nicht und so bekam ich die Ehre, mich das erste Mal auch im Bewegtbild zu versuchen. (Keine Ahnung, was daraus geworden ist, noch hat mein Bruder nicht über das Material drüber gesehen.)

Mir lag und liegt dieses Treffen sehr am Herzen, denn durch die verschiedenen Angebote die Tage über – z.B. ein Greorianik-Workshop, dem Orgel-Improvisationsworkshop oder den gemeinsam gebeteten Laudes (Morgengebet) in der Kirche – wurde mir klar, wie viel Kraft in solchen Gemeinschaften stecken kann. Kaum einer kannte sich vorher, gegangen bin auch ich mit vielen neuen Freunden.

Manchmal ist das Hirn wo anders

Im Schreiben dieses Textes merke ich, dass ich an dem Wochenende eine wirklich wichtige Sache vergessen habe: Ich habe wirklich Unmengen von Fotos gemacht, Gemeinschaft eingefangen, Musik fotografiert und habe doch nicht daran gedacht, die Königin der Instrumente – einem der Mittelpunkte des Treffens – zu fotografieren. Die Orgel. Joar, schade eigentlich. Aber ich bin zuversichtlich. In absehbarerer Zeit statte ich dieser Kirche nochmal einen Besuch ab. Zumindest habe ich es vor.

Und warum die verstaubte Kirche streamt? Schaut mal hier: die entsprechende Szene im Originalton 😉 (1. Video)

2 Kommentare
  1. Danke für den interessanten Bericht und die schönen Bilder und Videos.
    Ich selbst konnte leider nur über die livestreams auf YT teilhaben, war aber auch so beeindruckt und auch irgendwie Teil der tollen Atmosphäre bei diesem Treffen. In Ihrem Bericht kommt das sehr gut rüber.
    („Allein unter Männern“ – wundert das wirklich jemanden im Hinblick auf die Strukturen der Kath. Kirche ? )
    Ich fand und finde das Ganze sehr gut und hoffe, beim nächsten Mal dabei zu sein.
    ;-D

    1. Herzlichen Dank. Es war wirklich ein wunderschönes Wochenende.
      Zu dem „allein unter Männer“ muss ich allerdings einwenden, dass es bei mir in Münsterschwarzach – abgesehen von den Benediktinerbrüdern – recht ausgeglichen ist in der Jugendarbeit. Also bin ich zuversichtlich fürs nächste Treffen 🙂

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