(K)eine Frage: Orchesterprobe oder Ferien?

(K)eine Frage: Orchesterprobe oder Ferien?

Dies ist eine kleine Reportage, die im Rahmen meines Fachs „Text“ an der FHWS in Würzburg entstanden ist.

Ferien haben heißt ausschlafen, zocken, Party machen – mal die Sau rauslassen. Alles, bloß nichts mit Schule oder Disziplin. Nicht so bei den Musikern der Jungen Philharmonie Würzburg, die sich Jahr für Jahr wieder in den Oster- und Herbstferien zum gemeinsamen Musizieren treffen. Pünktliches Erscheinen, fleißiges Üben und das Opfern der Freizeit werden hier verlangt. Da fragt man sich, warum tun sie das?

„Ich schlag zwei Takte vorweg“. Allgemeines Nicken. Man weiß, was gemeint ist. „Taaa tata taaa“ „Hört mal mehr auf die Piccolo.“ Wieder zustimmendes Nicken. „Taaa tata taaa“ – „Viel besser! Jetzt müssen wir es nur noch ins Tempo bringen.“ Die Dozentin schmunzelt motivierend.

Es ist 11:46 Uhr. Montag. Der Montag der Herbstferien. Ort: ein Klassenzimmer des Sieboldgymnasiums. Schon seit fast zwei Stunden wird heute geprobt. Jugendliche sitzen in diesem Klassenzimmer mit Blick auf den großen Sportplatz vor der Schule. Jugendliche, die eigentlich Ferien haben. Und doch sind sie hier. Den Blick konzentriert zwischen Noten und Dozentin hin und her huschend. Heute leitet Claudia Mendel, Klarinettistin des Philharmonischen Orchesters Würzburg, die Registerprobe der Holzbläser. „Noch einmal ohne Verzierung – wir beginnen beim Fortissimio“. Die acht jungen Musiker reagieren routiniert. Die erste Oboistin stellt eine Frage: „Sollen die Achtel kurz oder breit gespielt werden?“ „Gewichtig.“ Man versteht sich und das, obwohl sich die meisten Jugendlichen erst seit einem Tag kennen und nun gemeinsam proben. Sie sind Instrumentalisten der Jungen Philharmonie Würzburg, einem Phasenorchester, welches sich zweimal im Jahr trifft, um innerhalb einer Woche ein anspruchsvolles Programm auf die Beine zu stellen. Verdi, Bruch, Tschaikowsky. Warum opfern Jugendliche für so ein Projekt ihre Ferien?

Ein Raum weiter

Ein Raum weiter proben die Celli. Acht Cellisten sitzen im Halbkreis. Ihr Dozent Matthias Steinkrauß, ebenfalls Musiker des Philharmonischen Orchesters, sitzt vorne und musiziert mit: „Spielt das noch viel leiser – geheimnisvoller“. Zum besseren Verständnis spielt er die Stelle einmal vor. An einem Pult müssen noch Fingersätze geklärt werden. Jeder hilft jedem; so wie er kann. Das ist das Prinzip des Orchesters: junge Laienmusiker zusammenbringen und ihnen Raum zur Entfaltung der eigenen Fähigkeiten geben, um gute Musik zu machen. Zur Seite stehen ihnen die Musiker des Partnerorchesters vom Mainfrankentheater und ein erfahrener Dirigent.

In dieser Phase ist das zum ersten Mal der Schweizer Frédéric Tschumi. „Die Jugendlichen reizt es, solch anspruchsvolle Musik zu spielen. Das zieht sie an.“ Während wir sprechen wuseln etliche um uns herum, einige Geigenspielerinnen üben, zwei Jüngere spielen Fangen, es ist laut. Die Altersspanne in dieser Phase liegt zwischen 11 und 26 Jahren. „Entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt zur Tuttiprobe komme“, werden wir von einem Neuankömmling unterbrochen, „ich hatte noch eine Veranstaltung in der Uni.“ Tschumi klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter: „Wir duzen uns. Was studierst du denn?“, fragt er mit französischem Akzent nach. Die Junge Philharmonie ist eine Gemeinschaft, das merkt man.

14 Uhr

14 Uhr. Die Probe mit dem ganzen Orchester beginnt. „Wir proben jetzt eine Stunde, machen zehn Minuten Pause und proben dann nochmal eine Dreiviertelstunde bis zur großen Pause. Zwei Stunden spielen am Stück sind nicht gesund“. Grinsende Gesichter im Orchester. Tschumi unterscheidet nicht, ob er Jugendliche oder Erwachsene dirigiert. Er bleibt offen und ernsthaft, zollt ihnen Respekt für ihre Leistung. Seiner Meinung nach spielen Jugendliche besser, wenn man ihnen respektvoll gegenübertritt. „Seht nicht den riesen Berg Arbeit. Fasst das ins Auge, was ihr selbst erreichen könnt und ihr werdet es erreichen. Reizt eure Grenzen aus.“ Er lässt die Musiker spielen, bricht ab, korrigiert und gestaltet, motiviert. Die Posaunen sollen ausdünnen. Vier Posaunen klingen zu wuchtig in der zarten Passage. Wenig später fordert er die zweiten Geigen auf, ihre Stimme einmal zu Singen: „Nicht so verhalten.“ Die jungen Instrumentalisten können hier viel lernen in der Arbeit mit ihrem Instrument und innerhalb eines Orchesters.

In der Pause habe ich Gelegenheit mit einigen Musikern zu sprechen. Ich frage, weshalb sie hier sind – in ihren Ferien. „Ich hatte einfach Bock. Ich habe viel zu lange nicht mehr mitgespielt.“ Die Cellistin grinst und überlegt weiter: „Musiker sind einfach sympathisch. Sie sind ehrgeizig und haben gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ich mag Orchester“. „Die Sinfonie ist einfach geil“, ergänzt die Piccolospielerin aus Bayreuth“, „es ist der Reiz solche Werke mitspielen zu können und zu dürfen.“ In ihrer Heimatstadt gibt es solch ein Angebot nicht. Immer wieder fällt das Argument der Werke – die Chance hier große Werke der klassischen Musik spielen zu können. Auf meine Nachfrage, was denn gerade junge Menschen an diesem Genre so gefällt, sehe ich nur ratlose Gesichter. Das kann keiner so genau benennen. „Sie ist so beruhigend“, versucht es eine. „Musik drückt aus, was Worte nicht sagen können“, lächelt mich eine andere an. „Puh, gute Frage, ich habe keine Ahnung“, antwortet ein Cellist im Vorbeigehen als er wieder Richtung Pult huscht. Auch er ist seit vielen Jahren immer wieder dabei.

15:22 Uhr

15:22 Uhr. Die Probe geht weiter. Die Ouvertüre zu „Macht des Schicksals“ von Verdi steht nun auf dem Programm. Geprobt wird in der Mensa des Gymnasiums. Das stört nicht. Auch nicht das laute Klirren, als die Glascontainer vor dem Fenster geleert werden. Doch es ist unruhiger als am Morgen, es wird mehr getuschelt, Süßigkeiten wandern heimlich von einem Pult zum nächsten, eine Flasche fällt um. Derweil stimmt der Dirigent die Posaunen aus: einer ist zu tief, deshalb passt die Intonation nicht mehr. Er zieht den Ton höher. Deutlich hörbar zu hoch. Das Orchester lacht amüsiert. Es sind keine Profis, doch die Motivation und der Wille sind fast greifbar. Tschumi probt die Stelle ab ‚Jura‘. Stark soll sie sein. Das Orchester hebt an, die Trommelschläge vibrieren in der Brust, die Piccolo spielt hoch und stechend und der Klang intensiviert sich immer weiter. Der Dirigent bricht ab und strahlt zufrieden „Ganz gut!“

Gerade diese Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, der Fähigkeiten am Instrument und die der Gemeinschaft ziehen die Jugendlichen in den Bann und lässt sie Phase für Phase wieder zu den Proben zusammenkommen. Für den Großteil des aktuellen Orchesters ist es nicht das erste Mal, dass sie ihre Ferien für die „JuPhi“-Phase opfert. Seit 23 Phasen geht das Konzept Junge Philharmonie Würzburg auf. Coole Leute, großartige Werke und ein spürbarer Fortschritt für jeden Einzelnen. „Ich habe kein Ziel, wie die Musiker im Konzert zu spielen haben. Ich möchte, dass wir zufrieden sind mit unserer Entwicklung“, schließt der Dirigent ab, bevor ich gehe. Zwei Stunden proben das Orchester noch weiter. Dann ist Feierabend. Morgen geht es weiter.

Die Junge Philharmonie Würzburg

Lust bekommen mitzuspielen? Du bist auch noch zwischen 14 und 26 Jahre alt und hast schon erste Orchestererfahrungen? Supi! Die Juphi freut sich wirklich immer über neue Musiker!

Informier dich am besten auf der Website der Jungen Philharmonie Würzburg, da findest du alles wichtige.

Geigen in der Tuttiprobe
Kontrabass in der Tuttiprobe
Cello in der Registerprobe
Holzbläser in der Registerprobe
A-Klarinette liegt für Probe bereit
Fagottist in der Registerprobe
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